Auf der estnischen Insel Saaremaa gibt es eine Geschichte. Demnach haben der Riese Töll und seine Frau Pirit den Fischern dort immer wieder unter die Arme gegriffen. Und tatsächlich hat man bei der Reise durchs Land das Gefühl, die Riesen haben mehr als das getan. Das nördlichste Land des Baltikums ist wirtschaftlich stark, in der Bildung ganz weit vorne, bei der Digitalisierung sogar unter den führenden Ländern der Welt (da beruhigt es fast schon etwas, dass auch im digitalen Musterland mal der ein oder andere QR-Code ins Leere läuft, oder eine Ticket-App nicht funktioniert). Die Esten haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sehr zielstrebig nach oben gearbeitet. Estland hat nicht nur landschaftlich traumhafte Ecken, sondern auch eine hervorragende Infrastruktur, gepflegte Bilderbuchdörfer und vor allem eine sehr gastfreundliche Kultur.
Und damit meine ich nicht unbedingt nette Menschen (der Charme der Esten wirkt eher finnisch unterkühlt). Die Esten machen es einem einfach leicht, in ihrem Land angenehm zu reisen. Die staatliche Forstverwaltung etwa unterhält im ganzen Land, vor allem aber entlang der Ostseeküste, zahlreiche Camping- und Freizeitplätze. An diesen teilweise sehr idyllisch gelegenen Plätzen stehen Toiletten, Abfallbehälter und sogar frisches Feuerholz zur Verfügung - kostenlos nutzbar. Auch mit dem Wohnmobil. Nicht einmal reservieren muss man. Nur sauber zurücklassen sollte man natürlich alles. Überhaupt läuft es hier auf dem Land noch sehr entspannt. Die estnischen Wahrzeichen, die Windmühlen von Angla, kann man selbst in der Hauptsaison noch fotografieren, ohne sich hinten an einer Schlange chinesischer Touristen anstellen zu müssen.
Kein Wunder also, dass die Esten im Moment alles daran setzen, diese Errungenschaften mit aller Macht zu verteidigen. Es wirkt deshalb doppelt bitter, wenn ausgerechnet über einem früheren Sowjet-Gefängnis heute NATO-Jets donnern, um das Land vor neuen russischen Aggressionen zu schützen. Kann man nur die Daumen drücken, dass die Esten ihren Weg so entschlossen weitergehen. In dem früheren Gefängnis im nordwestlichen Rummu hatten die Sowjets die bedauernswerten Insassen zum Abbau von Kalkstein gezwungen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde das Gefängnis aufgegeben. Die Kalksteingruben füllten sich mit Wasser, wodurch Teile der Anlage in einem eigenartig türkisfarbenen See versanken - den die findigen Esten jetzt als Wassersport- und Tauchresort nutzen. Riesig!









