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Zwischen AIDA und App: Tallinn

Die Touristengruppe in den lila Leibchen auf dem Freiheitsplatz von Tallinn sieht etwas eigenartig aus. Bis auf den Tour-Guide tragen alle klobige VR-Brillen. Der Guide erklärt etwas - aber alle schauen woanders hin. So geht Fremdenverkehr auf Estnisch. In dem kleinen baltischen Land ist die Digitalisierung quasi allgegenwärtig. Sein Essen im Restaurant bestellt man per QR-Code; bezahlt wird ebenfalls per Handy; und auch Parktickets löst man per App. Ein älteres Ehepaar aus der Schweiz neben uns ist darüber fast verzweifelt. Den meisten der seeeeeehr vielen Besuchern von Tallinn dürfte das allerdings herzlich egal sein. Sie werden pulkweise von den gigantischen Kreuzfahrtschiffen ausgespuckt, die nur einen Katzensprung vom historischen Zentrum anlanden. In Kohorten wandern sie dann durch die kleine Altstadt, bevor sie am Abend wieder von den AIDAs und TUI Cruises aufgesogen werden. Während Estland insgesamt noch ein sehr entspanntes Reiseland ist, leidet Tallinn definitiv unter Overtourism.

Zwischen Olaikirche und dem historischen Rathaus haben Souvenirläden, Cafés und Hotels längst alles verdrängt, was hier früher mal an üblichen städtischen Geschäften vorhanden gewesen sein mag. An der Aussichtsplattform am Domberg drängeln sich die Menschen für ein Selfie. Ein Bier kostet schonmal 12 Euro. Und wer meint, viele Besucher seien schwerhörig, irrt. Sie tragen alle Funkempfänger, um die Erklärungen ihres Tour-Guides irgendwo in der Menge empfangen zu können. Dabei muss man nur ein paar hundert Meter aus der Altstadt raus, um das neue und bei weitem nicht so überlaufene Tallinn zu sehen. Im neugebauten Hafenviertel Noblessner etwa gibt es ein Dorf aus schindelgedeckten Holziglus mit Luxusinterieur, einen digitalen Erlebnispark für Kinder und alte Küstenwachen-Schiffe, die man einfach so besichtigen kann. Im ebenfalls neuen Rotermannviertel auf der anderen Seite des Hafens treffen sich in nobler Shoppingatmosphäre die Talliner Jugendlichen zu estnischer Partymusik. Tallinn ist eine lebendige europäische Hauptstadt - mit einem leider ziemlich überlaufenen Freilichtmuseum im Zentrum.

Nur an einem Ort mitten in der Altstadt drängt sich das neue Tallinn fast gewaltsam ins ansonsten so idyllische Ambiente. Vor der russischen Botschaft stehen auf etwa 50 Metern Absperrgitter - über und über behängt mit Plakaten und Transparenten. Ziemlich eindringlich beziehen die Esten hier Stellung für die Ukraine und gegen Russland. "Communist Terrorism - never again!", heißt es da etwa, "Stop the war!" und "Russia is the aggressor!". Hier wird einem trotz aller Idylle ganz schnell bewusst, wie brüchig der Frieden in Europa ist.